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„Es macht mich glücklich, Dich in Liebe zu sehen“

So ein Satz, der ja einfach nur stimmig ist. Liebe als eine Haltung, Versöhnung als die Erfahrung.

Ich komme aus der Beratung eines Teams einer Wohngruppe, in der Menschen mit einer geistigen Behinderung leben.
Und sehe die Veränderung der Gesichter, wir sprechen über die Veränderung des Blickes, wenn wir „in Liebe sehen„. Wir schauen zurück auf einen Prozess, in dem wir ausgehend vom Problemgespräch über Herausforderndes Verhalten eines Bewohners uns in unserer Betrachtungsweise dehnen.

Der junge Mann, um den es „geht“  ist mit seinen Verhaltensweisen dem Team eine Last geworden und bringt Grenzerfahrungen. In der Einfühlung in seinen wertvollen Kern, in seinen liebevollen und manchmal auch verzweifelten Versuch, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten und sein in ihm waches Licht auszudehnen – da verändern sich die Gesichter und Spannung wird mit Humor aufgelöst.

Wir haben in ihm, dem uns zunächst herausfordernden Bruder, die Liebe gesehen – haben uns öffnen lassen von der Einfühlung und Wertschätzung, was für eine Unterstützung des Himmels.
Als Supervisor trete ich zur Seite und bin dankbar.

Es macht uns glücklich, unseren Bruder und unsere Schwester in Liebe zu sehen, und ich erinnere mich an die Stelle im Kurs, bei der es heiß: „Nur die Teile der Welt sind bedeutsam, die wir in Liebe sehen„.
Und so macht uns das, was uns scheinbar zunächst herausfordert, glücklich, wenn wir uns zu schauen und zu wandeln trauen.
Dann sehen wir das DU in Liebe und spüren so das ICH erst vollständig.

So wunderbar
Matthias

 

Versöhnung als Geschenk unserer Kinder

Ein Workshop mit Eltern behinderter Kinder

„Unsere besonderen Kinder“, so der Name des Kreises von Eltern, die uns bei einem Familienwochenende eingeladen hatten, einen Abend zu moderieren und in Austausch und Nähe zu kommen. Sicher, weil wir selbst sowohl Eltern eines verhaltenskreativen Kindes sind, wie auch fachlich im Thema geübt. Zweiundzwanzig Eltern aus vierzehn Familien, die es eint, ein behindertes Kind zu haben und gleichzeitig Gemeinschaft als Erleben von Hilfe, Stärke und Kraft zu wagen. Kinder, die mit Down Syndrom, geistiger und körperlicher Behinderung, autistischer Störung zunächst in der Welt mit vielen „Eigen-Worten“ benannt werden, die den Unterschied zum scheinbar „normalen“ betonen: eigenartig, eigen zu fördern, herausfallend als der Normalität, auffallend, zu betreuen… Dass diese Kinder, die unsere Wahrnehmung von dem „Normalen“ irritieren, ein Geschenk sind, welches wir als Eltern Stück für Stück auspacken und uns erlieben: was für ein Wunder (das Wort „erlieben“ kennt mein Rechtschreibprogramm nicht, und doch bleibt es wesentlich)!

Dies beschreibt ein wenig den Abend, der im Verlauf Berichte von Belastung, Leid und Ausschluss ebenso öffnete wie das Verbindende durch die Kinder, Lachen und Freude über die neuen Erfahrungen. Eltern wachsen miteinander und über sich hinaus, kommen an Grenzen, versöhnen sich mit ihrer Aufgabe ohne sich aufzugeben, teilen ihre Erfahrungen und werden eine Hilfe für die scheinbar so normale Welt, die Wachstum, Materie und Leistung auf ihrem Altar hat. Dies eine gemeinsame Erfahrung von beinahe allen Eltern: „Unser Kind hat uns die Augen geöffnet“. Viele Affinity Regeln, wie sie Paul Ferrini für wohlwollende und annehmende Gruppen formuliert hat, kennt dieser Elterngesprächskreis (im Kern der Erfahrung). Das war für mich eine weitere erstaunliche Erfahrung: „Wir müssen uns nicht verbiegen“ und uns und die anderen „in Ordnung bringen“. Wir schaffen einen Raum von gegenseitiger Wertschätzung und Annahme. Wir lassen das „people-pleasing“ hinter uns (davon heilen uns unsere Kinder…). Das miteinder Sprechen ist ein Teil der Versöhnung, der andere ist die berührende Erfahrung, dass wir der jeweils eigenen Aufgabe oder eben der unsrigen Gabe näherkommen, die in die Welt gegeben werden will.

In meinen Worten: Versöhnung ist ein Geschenk, welches ausgepackt werden will, wir haben jede Zeit zum Auspacken, Entdecken und Ausdehnen. Die Gesellschaft und die Welt braucht die Erfahrung von Eltern und Kindern mit Beeinträchtigung zur Heilung. Dies war eine Erfahrung in der Gruppe am Abend, die berührte und tief innen erinnerte an das wirklich Wesentliche.

Versöhnung wird ein Gemeinschaftsprozess, dem wir vertrauen. Der Himmel hatte uns gesegnet in der Erfahrung des Teilens und des Wesentlichseins für Heilung.

Matthias Trümner, Edertal 06.06.2011